Dietmar Wolf, der grüne Wolf für Düsseldorf

Radreise Baltikum

12.07.2026 letzter echte Radreisetag von Padilski nach Tallinn

Problem:
Ich habe einen Defekt am Hinterrad. Wie es scheint ist der Mantel, genau an der Stelle wo die Felge zusammengefügt ist, beschädigt, so dass der Schlau sich dort vergrößerte und eine Unwucht bildet.
Das Fahren wid immer unangenehmer, eine Reperatur am heutigen Sonntag möchte ich ausschließen, genauso wie eine Weiterfahrt nach Tallinn mit 60/70 Kilometern. Einen Ersatz-Mantel habe ich nicht mit, ein Fehler bei DEN Schotterpistten wie sich nunherausstellt.
Das soll das jetzt gewesen sein?
Nein.

Leuchtturm Paldiski tuletorn

Beschluss
Die EuroVelo 10&13 laufen von Paldiski aus nach Norden zum Kap der Halbinsel Pakri wo Estlands größter Leuchtturm steht. Weiter im Uhrzeigersinn nach Leetse und dann zur Bahn. Ab Padilski besteht eine regelmäßige Verbindung nach Tallinn.
Das wäre doch der richtige Abschluss einer Radreise Baltikum, oder?

Umsetzung
Es hat geklappt. Leuchtturm Palsiski tuletorn Supersonntagsegelwetter
Der Leuchttrum war schnell auf einem Radweg eerreicht. Ich freute mich, dass ich mich dazu entschlossen hatte, diese Kurve um die Landspitze noch zu drehen. Draussen auf dem Wasser freute sich sicherlich eine Yacht-Besatzung über super Sonntagssegelwetter. Bei denen wäre ich auch gerne an Bord gewesen.

Nach dem kurzen Aufenthalt kurbelte ich die Kurve im Uhrzeigersinn um die Halbinsel weiter gund geriet auf einen sehr schönen Wanderweg, den ich dann 2,5 km das Hinterrad schonend schob.
Merke: Das ist nicht weder der EV10 noch im Bikelne beschrieben.
Das merkte ich dann auch später, weil ich den Kussstein suchte. Und nicht fand.

Kein Kusstein

Laut dem Bikeline-Führer befand sich an der Strecke ein Findling Kivikülv, der Beschreibung nach ein 2,20 Meter hoher und 19 Meter Durchmesser verzeichnenden Felsbrocken, den man eigentlich nicht übersehen konnte. Ich suchte an der falschen Stelle, es gibt unter der Bezeichnung Kivikülv noch weitere sechs Steine in der Nähe, die es aber nicht waren. Und Info: Auf der Habinsel Pakri gibt es jede Menge der Kivikülv, da kommt man doch durcheinander.
Ich habe nun eine Idee, wo er sich genau befand, jedoch zu spät. Ich bin auf meinem Wanderweg zu weit weg vom Majaka tee ausgekommen.
Dabei sollte ein Foto des "Kusssteins" ein kleiner Gruß an meine Lebensgefährtin sein, dass ich das Küssen auch nach vier Wochen Radreise nicht vergessen hatte, wo doch auch gerade am 06.07.2026 der Internationale Weltkusstag war.
Das Foto hier ist ein Ersatz, ein Fake, bis ich etwas Besseres gefunden habe. Kuss mein Liebling.

Blick in die Bucht bei Kersalu Halbinsel Pakri
Heute durfte ich mich doch mehr auf Schotterpisten austoben als geplant. Dafür wurde ich immer wieder mit einem Blick auf die See belohnt, wie hier vor dem Ort Kersalu. Irgendwann wieder auf Asphalt erreichte ich über die Nationalstraße 8 hoffnungsvoll Kersalu, ein Kohvik Café fand ich nicht ausgeschildert. Also weiter.

Klooga holokausti memoriaal

Kurz vor der Bahnlinie bei Kloogranna bog ich rechts ab zur Holocaust-Gedenkstätte von Klooga. Die Gefangenen im KZ Klooga wurden unter schlimmsten Bedingungen zur Betonherstellung und Holzverarbeitug gezwungen. Vor der herannahenden Roten Armee erschossen und verbrannten die Nazi-Schergen und ihre estnischen Helfer im September 1944 2.000 Gefangene. Nur wenige Tage später befreite die Rote Armee 85 Gefangene die sich verstecken konnten.


Innehalten

Diese Radreise ging nicht nur der Ostseeküstenroute des EuroVelo EV 10, sondern auch dem nicht immer gleich verlaufenden EuroVelo EV 13 Europa-Radweg Eisener Vorhang Iron Curtain Trail.

Auf der Fahrt nahm ich viele noch aus vergangenen Zeiten bestehende positive wie negative Eindrücke mit. Ich radelte nicht immer vorbei, sondern stoppte an bedrückenden Orten, an denen Menschen ins offene Meer gejagt, Zurückkommende gefangen genommen und nach Sibirien verschleppt, Plätzen des Horrors und brutalster Gewalt, Unterdrückung und Massenmord; geschehen unter den Vorzeichen eines Nationalsozialismus oder angeblichen Sozialismus der Sowjetunion.

Ich kann in keinster Weise nachvollziehen, welche Freude und Befriedigung Menschengruppen in diesen Zeiten hatten, Mitmenschen unermessliches Leid zuzufügen, vermeintlich Anderen, Andersdenkende, Andersglaubende, Andersfarbige, anders nämlich divers Lebende, Demokrat:innen, Intellektuelle auf widerlichste Art und Weise zu vertreiben, zu quälen, zu brechen, zu verstümmeln, zu ermorden.

In diesen Zeiten?
Mich erschreckt, dass sich seit Jahren Menschengruppen in Deutschland und darüber hinaus zusammen finden, die damaligen Ziele wieder anzustreben. Klar ausgedrückt, den Nationalsozialismus.
Diese Leute erhalten bei Wahlen beträchtliche Stimmenanteile, wohl zuerst von Wähler:innen, die sich kein Bild machen von den ihnen selbst drohenden Konsequenzen und auf die geschickte sich auch noch wiederholende Demagogie hereinfallen. Sie riskieren ihre eigene Freiheit.
KLar ausgedrückt: Teile der AfD.

Auch wenn ich aus meiner kommunalpolitischen Arbeit ausgeschieden bin, engagiere ich mich weiter alternativlos im Kampf gegen nationalsozialistische Bewegungen und Parteien. Ich hoffe, Sie machen mit.

So sehe ich meinen Besuch des Holocaust Memorial Klooga als einen angemessenern Abschluss meiner Radreisetage im Baltikum.


Tallinna peajaam Tallinn Bahnhof

Ich übernachte ja noch zweimal in Tallinn und dann noch zweimal in Helsinki. Und auf den Weg nach Tallinn machte ich mich jetzt - und zwar mit der Bahn, 45min Fahrzeit für 4,50€ inkl Fahrrad.

Mein Hotel Villa Hortensia liegt mitten in der bunten und lebhaften mit historischen Gebäuden durchsetzten Altstadt, die es jetzt zu entdecken gilt. Ich habe Hunger! Tallinn Hotel Villa Hortensia Bibliothek
Das Gebäude der Villa Hortensia selbst ist 700 Jahre alt, auch hier ist beim Betreten oder Verlassen Helmpflicht angesagt. Und man hört hier alles, einfach ALLES. Knarrende Treppen, quietschende Türen, Stimmen... Also auch Ohrstöpselpflicht und wenig Alkohol, sonst fällt man noch die Treppe zum Schlafzimmer runter.
Dabei hat sie echt Charme die Villa in ihrem Innenhof. Hier ein Foto des Wohnzimmers bzw. Bibliothek, Aufenthaltsraum ist zu platt. Die Bücher dürfen Sie übrigens mitnehmen.

Direkt nebenan verpflegte ich mich im Restaurant Peppersack rundum, trank zwei große Bier und fiel nahezu ohnmächtig ins Bett. Das Preisniveau ist hier in der Touristenmeile der Hauptstadt aber echt bedeutend höher, hui.



12.07.2026 Kilometer Tag 36,34 km / Gesamt bis hierher 1.215,43 km



...und hier geht es weiter zum nächsten Abschnitt.