Dietmar Wolf, der grüne Wolf für Düsseldorf

Albert-Viergutz-Stellwerk-Stettin-Zabelsdorf

Geschichten rund um die Bahn

Als Reiseverkehrskaufmann werde ich gerne mit dem Fliegen in Verbindung gebracht, kein Wunder, werden doch zumeist Flugreisen in den Reisebüros verkauft.

Nur weil ich eine Ente fahre bin ich als Autofan bekannt, kein Wunder, schrieb ich mit Anton Wolfpril Entengeschichten eine kleine Hommage an den Citroën 2CV, erschienen bei BUCH&MOTOR und in jedem Buchhandel zu haben:
ISBN 978-3-9821608-0-1.

Grüne fahren Rad. Ich auch, kein Wunder. In und um Düsseldorf gerne in Kombi mit dem ÖPNV. Radreisen sind für mich zu einer feinen und bedeutenden Reiseform geworden über die ich auch gerne berichte; Radreisen gerne in Kombi mit der DB Die Bahn.

Ja klar, das musste ja jetzt auch noch kommen, der Seefahrt und da insbesondere dem Fortkommen unter Segeln bin ich ebenfalls sehr verbunden. Kein Wunder, für einen Reisebüromann zählt schließlich jede Form der Mobilität und Segeln enthält Spuren von Ökologie.

Aber eine von allen Mobilitätsformen hat für mich dabei absolute Priorität.
Heute noch!
Verdammt unökologisch.
Von kleinsten Kindesbeinen an waren es Dampflokomotiven. Mein Großvater Kurt Wolf kam vor dem Mauerbau aus Zepernik bei Berlin angereist und erfüllte den größten Wunsch des kleinen Enkels: ab zur Eisenbahn. Und das war die berühmte Steilrampe von Erkrath nach Hochdahl, 1841 für eine der ersten dampfbetriebenen Eisenbahnen Deutschlands, der Düsseldorf-Elberfelder-Eisenbahn-Gesellschaft fertig gestellt. Es bestand ein Schiebelok-Dienst, auch kurze Züge wurden mit zwei Dampfloks, oft mit zwei 94igern die lange Steigung hoch geschoben, das gab ein tolles Spektakel und eine große Faszination für den kleinen Dietmar.

Doch woher rührt das Interesse? Ich habe den Verdacht, dass dies vererbbar ist, denn es gab da einmal vor sehr langer Zeit meinen Urgroßvater Albert Viergutz (*1875 Finkenwalde bei Stettin +1952 Lohmen/Mecklenburg), ein Bahnbeamter der auf dem Foto rechts vor seinem Stellwerk in Stettin-Zabelsdorf steht.
Sein Vater, also mein Ururgroßvater Johannes Viergutz, war ebenfalls Bahnbeamter, doch wo und mit welcher Tätigkeit rund um Finkenwalde bei Stettin er aktiv war ist leider nicht mehr überliefert.

Waren es ihre Gene, die mich als Junge in das ehemalige Bahnbetriebswerk Wuppertal-Vohwinkel trieben? Dort brauchte ich mich schließlich nur noch bei der Lokleitung melden:
"Ich bin wieder da!"
...und durfte dann nach Herzenslust auf den abgestellten Lokomotiven herumklettern.

Oder waren es doch meine Eltern? Denn zu Weihnachten bauten sie jedes Jahr neu eine Eisenbahnplatte für unsere Spur H0 auf, die mich selbstverständlich in ihren Bann zog. Und mit einer Geschichte dazu möchte ich nun meine kleine Reihe an Eisenbahngeschichten beginnen, in denen ich langsam in meine Rolle als Geschichtenerzähler Anton Wolfpril schlüpfe.



Der Bananenwagen

Jedes Jahr zu Weihnachten bauten meine Eltern eine große Modellbahnplatte für unsere H0-Modellbahn auf. Die drei Kinder - speziell ich - verfolgten den Prozess mit größter Spannung. Unsere erste Modelllok war eine 24er, allgemein Steppenpferd genannt. Dazu Personen- und Güterwaggons.
Dietmar hatte einen Herzenswunsch an den Weihnachtsmann: einen Bananenwagen! Er beobachtete den Bau der Platte und schaute überall nach, ob er den Bananenwagen nicht irgendwo entdeckte. Wir Kinder wussten nämlich, dass nachts Probefahrten stattfanden. Dietmar sprach seine große Hoffnung aus:
"Vielleicht hat der Weihnachtsmann den ja vergessen!"

Eines Abends gab es einen spitzen Schrei, im großen Tunnel stand tatsächlich ein Bananenwagen! Klar, der musste sich bei den nächtlichen Rollproben von selbst entkuppelt haben. Die Freude war riesengroß.
Betreten schauten sich meine Eltern an, musste nun noch ein neues Weihnachtsgeschenk her.

Mein Vater blieb seinem Hobby Modellbahn treu. Wir haben uns Jahrzehnte lang nicht verstanden. Doch irgendwann, er war bereits weit über achtzig Jahre alt, bekam er einen Bananenwagen zu Weihnachten geschenkt.



Wagen 14

Diese ICs durch das Rheintal und anderswo in unserem Streckennetz haben numerisch oft die gleiche Wagenreihung, Wagen 11 ist das Bistro, Wagen 12 und 14 jeweils 1. Klasse.
Von der Mosel kommend steige ich in Koblenz in Richtung Koblenz um. Klar, der IC hat mal wieder Verspätung, technischer Defekt, 30 Minuten. Endlich rollt der Zug rein und schon ist der Grund für die Verspätung klar, Wagen 14 hängt noch dran, ist aber defekt. Der Zug ist nicht nur in der 2. Klasse rappelvoll, auch in der Ersten knubbelt es sich. Nun besonders, da Nummer 14 teilnahmslos mit rollt. Im Wagen 11 finde ich noch einen Einzelplatz in Fahrtrichtung, der Platz gegenüber bleibt nicht lange frei.

Eine sehr distinguierte Dame, eine richtige Dame in Wesen und Erscheinung, verstaut ihr Gepäck und nimmt mit kritischer Stirnfalte Platz. Freundliches hellgraues Reisekostüm, passender Hut, schmale feine Goldkette, erhobener Kopf, blaue Augen, entschlossene Mimik, entschlossene Köperhaltung mit geradem Rücken, früher bestimmt eine umwerfende Schönheit und auch heute…

Als höflicher Zeitgenosse biete ich den Platz in Fahrtrichtung an. Sie lehnt kühl dankend ab. Im Wagen wird reichlich gemeckert und geschimpft. Eine Mitreisende beklagt fortwährend gebetsmühlenartig, dass sie in Hamburg ihren Anschluss und dann ihren Mann verpassen würde. Weitere Unmutsäußerungen kommen dazu. Dazu die ungewohnte Enge, sogar 1. Klasse, das nervt, das kann ich nachvollziehen. Zwanzig Minuten nach Abfahrt regt sich mein nun ebenfalls sichtlich genervtes Gegenüber.

“Darf ich auf Ihr Angebot zurückkommen?“
„Selbstverständlich!“
Und nach praktiziertem Platztausch weiter.
„Wissen Sie, ich lebe in Hamburg…“
Aha, daher diese hanseatische Kühle und Erscheinung
„…und besuche einmal im Jahr meine Schulkameradin in Wittlich. Ich habe nach Hamburg geheiratet. Mein Mann ist Reeder. Er bringt mich sonst immer mit dem PKW, doch umso älter er wird, desto schneller fährt er mit seinem SUV. Das ist mir unheimlich. Jetzt probiere zum ersten Mal eine Bahnfahrt aus. Und nun das.“
Sie macht eine den Waggon umfassende Handbewegung. Wir plaudern ein wenig über Wittlich und die Mosel doch die lautstarken Beschwerden führen uns wieder auf das Thema Verspätung zurück. Wieder eine umfassende Handbewegung.

„Ach, das ist doch eine Zumutung, eine Katastrophe, dieser defekte Wagen und dann noch diese Verspätung. Wissen Sie…“
Sie beugt sich etwas nach vorne, schaut mir direkt in die Augen und fährt mit einer den ganzen Zug umfassenden Handbewegung fort
„…ich könnte mir diesen Zug oder sowas ähnliches kaufen. Glauben Sie mir.“
Ich glaube ihr sofort.
„Aber sowas hier, das ist eine Katastrophe.“ Echauffiert sie sich.
„Gnädige Frau, verzeihen Sie, wenn ich wage, Ihnen leicht zu widersprechen. Fukushima war eine Katastrophe, wir hier haben nur 30 Minuten Verspätung.“
Sie blickt mich mit ihren wachen blauen Augen an und schweigt erstaunt. In ihrer Mimik kann ich keine Reaktion ablesen. Nicht ein einziges Blinzeln ist zu wahrzunehmen. Nach ein paar Minuten richtet sie wieder das Wort an mich.
„Ich danke Ihnen, Sie haben recht. Wir sitzen hier trocken und sicher und haben uns nicht zu beklagen. Ich rufe jetzt meinen Mann an, er kann sich noch 30 Minuten Zeit lassen.“
Sie zückt ihr Mobiles, nach ein paar herzlichen Begrüßungsworten informiert und endet sie:
„Ja Schatz, das ist jetzt so.“
Und lächelt mich an.
Ich lächle zurück.
Verbindlich.



Moin

Kurz nach Silvester ein paar Tage frische Luft, Erholung und Fisch essen. Also ab in die Bahn und auf nach Norden/Norddeich an die Nordseeküste. Den Höhepunkt behielt ich mir für den letzten Tag auf, der Besuch der Seehundstation in Norddeich. Nach der kurzen netten Führung verbrachte ich ganze zwei Stunden den munteren Tieren zuschauend in der Station. Ganz stolz war man dort auf das wohl erste Kegel-Robben-Baby, dem ich auch die gebührende Zeit widmete. Danach ging es zum Kopfbahnhof Norddeich-Mole wo ich dann auf meinen IC2 nach Bremen wartete.

Ein RE wurde den Steuerwagen voran reingeschoben, da fiel mir ein bestimmt Zwöfljähriger auf, anscheinend ein absoluter Bahnfan (gerne als Pufferküsser beschimpft), der seinen ca. 45 Jahre jungen und sehr geduldigen Vater mit allen möglichen Details munter zutextete. Der besprach jede Achse, jede Tür, jede Schraube einzeln. Und der Vater hatte alle Geduld dieser Welt. Irgendwann kamen sie am Hauptobjekt des Interesses an, der Lok.
Mir kam eine Idee, irgendwann musste sich ja der Lokführer vom Steuerwagen zur E-Lok trollen, der Zug musste ja wieder raus. Und siehe da, er kam der Lokomotivführer.

"Moin!"
"Moin!"
"Sagen Sie, würden Sie mir einen Gefallen tun?"
Erstaunt blieb er stehen.
"Sehen Sie da vorne die beiden da, Vater&Sohn, an der Lok stehen?"
"Jau."
"Das sind absolute Bahnfans, würden Sie die mal auf ihre Lok lassen?"
"Jau!"

Der Wind drehte etwas und ich verstand recht gut wie er beide Jungs auf seine Lok einlud. Dann war die Überraschung bei mir, denn prompt setzte sich der Zug in Bewegung. Der RE wurde in die Station Norddeich gezogen. Das sind nur etwa fünfhundert Meter, aber es waren bestimmt fünfhundert Meter Glückseligkeit für den jungen Bahnfan.
Was er wohl alles erzählen konnte zu Hause?



Das Schienengrab

„Nordstraße!“
Die U78 rollt in der U-Bahn-Station aus.
„Ausstieg in Fahrtrichtung links!“
Die Türen der roten Bahn öffnen sich, entlassen Fahrgäste und nehmen neue auf; so auch ein Ehepaar und einen Herrn, alle drei so um die Mitte Siebzig. Da bin ich zwar altersmäßig so langsam auf dem Weg hin, aber noch nicht angekommen. Das Paar nimmt in den Sitzen auf der anderen Seite des Wagens, der Herr direkt mir gegenüber Platz.
Man ist miteinander bekannt.

Liebe Leserinnen und Leser, stellen Sie sich das nachfolgend geschilderte Gespräch auf Hochdeutsch jedoch mit einer feinen und deutlich herauszuhörenden Prise Düsseldorfer Platt vor. Kann ich leider nicht.

„Ja Horst und Hedwig, welche Überraschung!“
Der einzelne Herr trägt einen hellgrauen Trenchcoat, der bereits mehrere Jahrzehnte seinen Dienst versieht aber penibel sauber und gepflegt ist. Dazu einen graukarierten Schal mit feinen braunen Linien. Penible Bügelfalten enden an noch penibler blank geputzten dunkelbraunen Lederschuhen. Das immer noch fast volle silbergraue Haar wird von keiner Kopfbedeckung geziert. Die Oberlippe ziert ein kleines schmaler Schnurrbart. Der Herr ist ein wenig aufgeregt.
„Hermann, wie schön dich zu sehen.“
„Ja, wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen.“
„Das stimmt wohl. Ist ja schon etwas her.“
„Ja wie geht es euch denn?“
„Ach et muss, weißt du ja, mal hier ein Zipperlein, mal da eine Krankheit, ach…“
Eine leichte abwehrende Handbewegung folgt.

Doch Hermann scheint genau auf diese Stichworte rund um Krankheit und Ach zu warten, die braunen wachen Augen beginnen richtig zu leuchten, sein Gesicht wendet sich nun seinen Bekannten ganz zu, sein Kopf ruckt nach vorne, die lange spitze Nase sticht geradezu in Richtung Horst und Hedwig. Der Schnurrbart bebt.

„Der Johann Wilsecker ist tot.“
„Ach Gott nein, wann ist er denn gestorben?“
Unter der Last der hohen Bedeutung zieht Hermann die Antwort etwas hinaus.
„Vor zwei Monaten schon.“
„Ach Gott nein, er hatte es aber auch schwer.“
„Ja, es ging dann aber auch schnell.“
„Ach Gott nein, hoffentlich hat seine Frau die Hilde das gut verkraftet.“
Hermann nickt bekräftigend und holt zur nächsten Neuigkeit aus.
„Der Rudolf Gransdorf ist auch tot.“
„Ach Gott nein, der Rudolf auch?“
„Ja, letzten Monat. Er ist auf dem Nordfriedhof beerdigt.“
„Ach Gott nein, der Nordfriedhof ist aber auch schön.“
Davon lässt sich Hermann nicht beirren und holt wiederum aus.
„Der Georg Zendscheid ist auch tot!“
„Ach Gott nein, der Herr Zenscheid auch? Mein Gott nein, Hermann, woher weißt du das alles?“
Hermann strahlt.
„Ja, aus der Zeitung.“
„Aus der Zeitung?“
Hermann triumphiert geradezu.
„Ja, lest ihr denn keine Todesanzeigen?“
Das wird reserviert verneint.
Nun ist es an Hermann, hochinteressiert nachzuforschen.
„Die Maria Densborn ist jetzt wohl auch gestorben?“
„Ne, die Maria lebt!“
Hermann fragt sichtlich schockiert nach.
„Mein Gott, die Maria lebt noch?“
„Ja, sie hat sisch letzten Monat jut erholt, dat Mariesche ist nicht jestorben, dat lüppt wieder erum.“
„Oststraße!“
„Ausstieg in Fahrtrichtung rechts!“
Ich steige aus, verlasse das dunkle Schienengrab über die Rolltreppe, gelange ans Tageslicht, genieße den Nieselregen in meinem Gesicht und freue mich des Lebens.
Wie dat Mariesche.



Tröte

Der Regionalexpress verließ am Nachmittag des ersten Advents Köln in Richtung Bonn und Koblenz. Bald hatte er seine Höchstgeschwindigkeit erreicht, im Waggon herrschte Langeweile und leises Gemurmel. Plötzlich öffnete sich die Übergangstür zum nächsten Doppelstockwaggon. Zwei Leute mit Trompete und Ziehharmonika legten sofort los und brachten "Stille Nacht" dar.
Die Köpfe der Passagiere zuckten nach oben, Lächeln und Frohsinn machten sich breit. Mit der Ausnahme eines circa Dreißigjährigen, bei dem nicht, im Gegenteil. Er sprang auf und pfiff die beiden Musikanten derart um Ruhe an, dass sie vor Schreck in den nächsten Waggon eilten. Der Meckerer kehrte, begleitet von deutlichen Äußerungen des Missmuts der Mitreisenden, muffelnd an seinen Platz zurück.
Sie wurden um eine Freude gebracht.
Das Ganze ging sehr schnell, ich war so baff, dass ich nicht einschreiten konnte. Darüber ärgere ich mich noch heute. Was ist denn schon dabei, einmal "Stille Nacht" zu hören und Spaß zu haben?
So eine Tröte!



Psssst!

Das Problem anfänglich war, mein großer Boss reservierte für die Rückfahrt vom Termin Plätze im Ruhebereich. Klar, zur Nachbesprechung zogen wir uns ins Restaurant des ICE zurück. Doch irgendwann nahmen wir wieder unsere Plätze ein, gaben uns schweigend der Ruhe hin. Es war auch alles gesagt. Wir schwiegen.
Wir.

Auf verschiedenen anderen Plätzen herrschte reges Treiben. Hier kündete ein piepiepiep eine SMS an, dort gab es reichlich heftiges Bearbeiten von Tastaturen. Mobiltelefone meldeten laut und vernehmlich ein Telefonat an, Gespräche führte man allgemein gut vernehmlich. Eine junge Dame erhielt eine elektronische Nachricht aus einer elektronischen Gruppe geräuschvoll angekündigt, las, lachte laut auf, tippte giffelnd ihre Antwort, woraufhin sich gut hörbar ein ganzer Sturm von elekrtischer Re-Aktionen meldeten. Da reichte es mir. Wie elektrisiert erhob ich mich von meinem Platz und rief:

„Meine Damen und Herren, wenn Sie so eifrig hier im Ruhebereich tätig sind, dann haben Sie sicherlich nichts dagegen, wenn ich nun mit meinen Gesangsübungen beginne?“
Verblüfft nahm ich zur Kenntnis, dass mein Boss mit aufstand und sofort mit einfiel:

„La la la la – la lah laaaah. (höherwerdend) La la la la – la la laaaa, (noch höher) La la la la – la la laaaaaa.“

Der konnte das sogar richtig gut!
Gegenüber im Einzelsitz und bisher gut von ihrer Financial Times getarnt, erhob sich nun eine junge Frau im strengen grauen Business-Kostüm, schob sich die Brille in die straff nach hinten gekämmten blonden Locken und startete mit herrlich glockenklarer Stimme ihre erste Koloratur:

„Ma me mi mo mu. Sata teti totu. Ma me mi mo mu. Sata teti totu.”
Lächelte uns an und fuhr fort.

“Do Re Mi Fa Sol Fa Mi Re Do Re Mi Fa Sol Fa Mi Re Do Re Mi Fa Sol Fa Mi Re Do Re Mi Fa Sol Fa Mi Re Do Re Mi Fa Sol Fa Mi Re Do Re Mi Fa Sol Fa Mi Reeee.“

Darauf:
„He shall pu-ri-fy, for us a child is born, for us a child is born.”
Britin? Amerikanerin?

“Was für ein schöner Sopran!”


Das war was für meinen sichtlich begeisterten Boss und das war dann auch mein Boss, der nun mit seiner Tenorstimme alleine zu weiteren Übungen anhob:

„Da da da da, di di di di, na na na na, ü ü ü ü, wü wü wü wü….“ Fortfahrend bis er vor Lachen nicht mehr konnte, sich jedoch zusammennahm und sich echt fix zu seinem Finale sammelte:

“Flie-gen-fänger Fri-do-lin fängt Flie-gen fern von Wien.
Flie-gen-fänger Fri-do-lin fängt Flie-gen fern von Wien.
Flie-gen-fänger Fri-do-lin fängt Flie-gen fern von Wien.“
Bis er völlig zusammenbrach. Der hatte ja doch Humor, echt!

Wir schüttelten uns vor Lachen über die entsetzten Blicke unserer Mitreisenden. Zusammen mit der attraktiven Sängerin stürzten wir gemeinsam abermals in Richtung Restaurantwagen und verbrachten einen angeregten Abend im ICE. Unsere Mitreisenden hatten nun wieder ihre gewünschte Ruhe an den Mobiltelefonen und Tablets und ich ab sofort bei meinem Boss einen Stein im Brett.

„Kein Ton davon im Büro, Wolfpril!“
Auf das Logo des Ruhebereichs zeigend nickte ich
„Pssst!“



Das SBB-Speisewaggon

Ganz schnell sollte ich nach Kyllburg in die Eifel kommen.
"Nimm die schnellste Verbindung, den Fahrpreis übernehmen wir!"
Was das damals so Eiliges für das (aktuell nicht so aktive) Leerstandsprojekt Kunst-Kultur-Kyllburg war, daran erinnere ich mich nicht mehr.
Aber daran, dass die Umsteigezeit vom RE aus Düsseldorf in den RE nach Trier neun Minuten, die übliche Verspätung in der Regel zehn Minuten betrug, und dass man auch als Tourenscout von ADFC-Radreisegruppen gemeinsam mit den Leuten lediglich die roten Schlussleuchten des nach Trier enteilenden RE erblicke und somit 60 Minuten Pause hatte, daran auch. Und an die Espresso-Bar unten im Kölner HBF, die mich schon grüßten, denn Kyllburg war bei mir ein paar Jahre lang sehr angesagt.

Diesmal suchte ich mir eine bessere Verbindung raus. Mit Hintergedanken.

    Der Plan:
  • Mit dem EC der SBB von Düsseldorf nach Köln plus einem Kaffee im dortigen Speisewagen
  • Umsteigen in Köln minus Espresso im dortigen HBF
  • plus heiter weiter mit dem RE 22 über die Eifelstrecke nach Kyllburg
  • in Summe = Bahnfahrgenuss in Rheinkultur!

Ohne viel Gepäck jumpte ich direkt in den Speisewagen, ein Restaurant-Waggon! Der Schümli-Kaffee ward flott bestellt und an meinen Platz verbracht.

"Da haben Sie aber einen schönen Speisewagen!"
Wir kamen ins Gespräch. Die aus meiner Sicht schönen Speisewagen der SBB waren einst auf der Strecke Zürich - Wien im Einsatz, konnte ich erfahren, bis das Flugzeug die Geschäftsreisenden raubte.
"Jetzt rollen wir im touristischen Fernverkehr."
Das Ambiente des Zugrestaurant war auch eher so 70iger/80iger Jahre aber eben typisch schweizerisch in einem Top-Zustand. Sicherlich erfuhren die Fahrzeuge in den Jahren auch eine sagen wir mal Lifting. Platz gab es reichlich, man konnte zwischen Zweiertischen bis hin zum Tisch für fünf Personen wählen.

Zwei SBB-Zugpaare verkehren auf der Rheinstrecke, EC 6/7 Interlaken-Hamburg-Interlaken sowie EC 8/9 Zürich-Hamburg-Zürich, beide mit dem Zugrestaurant.
Der Schümli mundete, wir unterhielten uns noch über weitere Bahnthemen. Circa 40 Minuten Bahngenuss pur. In Köln waren wir per Du.

EC 7 SBB Restaurant Wagen

Wenn ich jetzt meinen Sohn in der wunderschönen Stadt Zürich mit seinem tollen gleichnamigen See besuche oder eine Radtour in Rheinnähe plane, dann nehme ich den EC der SBB. Dann gibt es ein feines Frühstück mit Blick auf den Rhein.
In Zürich sagt man zur Straßenbahn übrigens "Das Tram" und die dortigen Trolley-Busse fahren mit Düsseldorfer Technik, soviel Lokalpatriotismus darf sein, oder?

Zwei Empfehlungen:
- Die SBB Trainbar mit leckeren Cocktails von Brig nach Romanshorn
- Speisewagen Schweiz: Ess-Klasse mit bitterem Nachgeschmack,
der kritische Blick sei erlaubt.



94 1292
oder
Der Duft meiner Jugend

Längst erwachsen bin ich ihr immer noch verfallen. Ich rieche sie sofort. Die Dampflok.
So zum Beispiel im Düsseldorfer Hauptbahnhof. Meine Nase nahm bereits unten in der Passage die Witterung auf, Nase an Großhirn:
"Hier steht eine!"
Sofort die erstbesten Stufen hoch auf einen Bahnsteig und Ausschau halten.
"Da!" Auf Gleis 6 dampfte eine 94 vor einem kleinen Personenzug vor sich hin. Im gestreckten Galopp sofort die Bahnsteige gewechselt und an der Lok auf und ab geschlichen, ihren göttlichen Duft tiieeef einatmend.

DIE GRÜNEN können mich mal mit ihrem elenden Feinstaub, ich will Grobstaub! Grobstaub bestehend aus Steinkohle, Ruß, Asche verfeinert mit Öl und aufgemischt von Wasserdampf.
Göttlich!
Das ist der Duft meiner Jugend.

War ich doch vor langer Zeit in Bahnanlagen unterwegs, so in Bahnbetriebswerken wie Wuppertal-Vohwinkel und mehr. Derartige Leidenschaften kann Mann teilen.

Am Abend des gleichen Tages fand ich in meiner Stammkneipe Die Blende den Bahnfan und Hohenzollern-Experte Jan hinterm Tresen vor - und erzählte ihm begeistert von der 94 1292 und dem Duft meiner Jugend.

Jan fragte nach:
"Anton, findest du nicht auch, dass die südamerikanische Steinkohle fetter riecht als die deutsche?"



Weitere Geschichten folgen bestimmt

Die Geschichte *Pssst!* ist frei erfunden und entsprang einem Wunschdenken, die anderen Geschichten beruhen auf wahren Hintergründen, sind zum Teil 1:1 geschildert, wobei Namen allerdings geändert wurden.

#lirpflow